Wie Fitness-Trainer versagen – Teil 2

In Teil 1 meiner Serie „Wie Fitness-Trainer versagen“ habe ich bereits 5 typische Beispiele von Fitness-Trainer Fehlverhalten erläutert, wie ich sie in der täglichen Praxis beobachte. Natürlich habe ich darauf hingewiesen, dass auch ein reiner B-Lizenz Fitness-Trainer hin und wieder Ahnung von dem hat, was er erzählt. Und selbstverständlich gibt es sehr positive Ausnahmen. Dennoch möchte ich diese Reihe fortsetzen und hier anhand 5 weiterer Beobachtungen aus dem Fitness-Alltag schildern, wie Trainer ihre eigene Leistung und ihr Fachwissen durch ihr Tun herabqualifizieren. Dabei geht es heute einmal besonders um Beispiele schlechter Übungsausführung, worüber natürlich immer trefflich diskutiert werden kann. In den genannten Beispielen allerdings nicht.

  1. Der Ich-Kann-Alles-Trainer
    Der Trainer sieht einen Kunden trainieren oder stellt mit diesem gerade einen neuen Trainingsplan zusammen und sagt: „Ich zeige Dir jetzt mal Kniebeugen und Kreuzheben, das sind die Königsübungen!“ Was dann allerdings zu beobachten ist, ist allzu häufig ein wahres Trauerspiel.

    Kritik
    Freie Übungen wie Kniebeugen und Kreuzheben lernt ein Fitness-Trainer nicht in seiner Ausbildung. Und falls doch, dann nicht ausreichend. Sie gehören tatsächlich zu den besten, sinnvollsten und komplexesten Übungen. Aber auch zu den gefährlichsten, wenn die Technik nicht sitzt. Um sie lehren zu können, benötigt man als Trainer jahrelange eigene Praxis und es ist ohne das nötige Hintergrundwissen und erfahrene Lehrmeister sehr schwierig, eine einwandfreie Technik anhand von Büchern, Videos oder in einem Wochenend-Seminar zu erlernen. Wie oft beobachte ich Trainer, die in ihrer Freizeit selbst trainieren, sich beim Kniebeugen die umpolsterte Stange auf die Halswirbel legen (autsch!), Füße und Knie zu weit nach innen schieben (nochmal autsch!), den Rücken einrunden (so richtig autsch!) oder Kreuzheben mit rumänischem Kreuzheben verwechseln – weil man das in den Langhantelkursen so nennt – und selbst das nicht sauber hinbekommen. Und so wollen sie das ihren Kunden beibringen? Schuster, bleib bei Deinen Leisten! Man mag darüber streiten können, aber das sind Übungen, die für mich eindeutig ins Personal-Training gehören und nicht in eine kurze Einweisung im Rahmen eines Trainingsplans. Und wenn man das als Trainer nicht ordentlich gelernt hat (und damit meine ich keinen Wochenendlehrgang), sollte man sich auf das beschränken, was man kann. Da wird es ja was geben.

  2. Der Maschinen-Versteher
    Kunde: „Was gibt´s denn noch für Bauchübungen?“ Der Trainer zeigt ihm daraufhin die Glute-Bridge Maschine.

    Kritik
    Es gibt Maschinen, die führen durchaus Bewegungen aus, denen man nicht auf den ersten Blick ansieht, in welche Richtung die Last bewegt und welche Muskelfunktion dafür benötigt wird. Natürlich folgt auf eine Armstreckung auch immer eine Armbeugung oder wie im Beispiel auf eine Rumpfstreckung eine Rumpfbeugung, aber die Frage ist: welche Bewegungsrichtung geht gegen Widerstand? Die genannte Maschine (auch Hip Thruster genannt) streckt in der Hüfte und trainiert vorwiegend die Po-Muskeln, zusammen mit dem unteren Rücken und der Oberschenkelrückseite. Die Tatsache, dass ein Polster in Bauchnähe aufliegt, welches man über die Hüftstreckung nach oben drückt, und die ganze Bewegung dann irgendwie wie ein Crunch aussieht, macht daraus keine Bauchmaschine. Das wirklich Schlimme an dieser Begebenheit ist allerdings, dass im beobachteten Einzelfall sogar der Aufkleber an der Maschine die Bauchmuskeln als Ziel ausweist. Oder haben die Trainer einfach den falschen Aufkleber aufgeklebt? Dabei wäre alles so einfach. Man benötigt nur ein bisschen Grundwissen über Muskelfunktion – und das ist schließlich der Hauptbestandteil einer Fitness-Trainer B-Lizenz. Ich habe sogar schon erlebt, dass normale Crunchmaschinen für den Bauch von Trainern als Rückenübung bezeichnet wurden. Manchmal will ich das selbst nicht glauben und schiebe es auf eine Sprachverwechslung, allerdings bin mir da nicht immer sicher.

  3. Der Schwerkraft-Ingnorierer
    Ein Kunde steht fast aufrecht, den Arm etwas nach hinten gestreckt und bewegt diesen im Ellbogengelenk vor und zurück. Er fragt den Trainer: „Mache ich die Trizeps-Kickbacks Übung richtig?“ Trainer: „Ja sieht doch super aus!“

    Kritik
    Manche Trainer bekommen einfach nicht die Brücke vom Maschinentraining zum freien Training hin. Während bei einer Maschine die geführte Bewegung über Seilzüge, Exzenter und Umlenkrollen immer gegen einen Widerstand verläuft, muss man im freien Training beachten, dass die Schwerkraft nur eine Richtung kennt: nach unten. Dementsprechend ist die Übung natürlich auszurichten. Ein Klassiker sind die genannten Trizeps-Kickbacks, die mit hängendem Oberarm und vollständiger Beugung im Ellbogen ausgeführt werden und so eigentlich mehr eine Pendelbewegung darstellen als dass irgendein Muskel dabei trainiert wird. Paradebeispiel auch die Schulterrotation mit Kurzhanteln, wobei der Kunde in Bizeps-Curlhaltung (?) steht. Hier erfolgt eine Rotation im Schultergelenk aber nicht gegen die Schwerkraft, so dass die Übungen zu statischen Halteübungen für den Bizepsmuskel verkommen. Hatte sich der Trainer wohl beim Thera-Band-Training abgeschaut und Zugrichtung mit Schwerkraft nicht in Einklang bringen können. Gerade aktuell beobachte ich auch immer wieder, dass Trainierende eine Rumpfrotationübung ausführen, im Sitzen oder stehen, mit horizontal nach vorne gestreckten Armen, ein Gewicht in den Händen. Hierbei handelt es sich grundsätzlich um eine Wirbelsäulen-Mobilisations-Übung. Ok, das kann Teil des Aufwärmprogramms sein. Aber wofür das Gewicht am langen Hebel der Arme? Das stellt ausschließlich eine Last auf die kleinen vorderen Schultermuskeln dar und hat mit einer Wirbelsäulenübung reichlich wenig zu tun. Mein Lieblingsbeispiel auch das Langhantelrudern. Wieder eine Übung, die man als B-Lizenz-Trainer nicht ordentlich lernt. Dieses wird beinahe aufrecht stehend eingewiesen, wodurch aus dieser vortrefflichen Grundübung, insbesondere für den gesamten Rücken, eine Nackenmuskel-Übung wird. Das alles klingt unglaublich, ist aber regelmäßig bei Einweisungen im Freihantelbereich zu beobachten.

  4. Der Lockere
    Ein Kunde sitzt am Lat-Lug Gerät. Er zieht die breite Stange in den Nacken, den Kopf weit nach vorne geschoben, um der Stange auszuweichen, Schulter beim Ziehen weit hochgezogen, zum Trainer: „Ist das so richtig?“ Trainer: „Ja, immer schön runter ziehen und wieder hoch!“

    Kritik
    Bei diesem immer wieder zu beobachtenden Beispiel bin ich mir gar nicht sicher, ob der Trainer einfach nur zu locker ist oder ob er es tatsächlich nicht besser weiß, weil er in seiner Ausbildung zwar Muskelfunktion und Übungen dazu lernt, aber zu wenig über die Zusammenhänge. Zwar ist es richtig, dass beim Latziehen die Stange von oben nach unten gezogen wird, aber die Basics einer korrekten Ausführung sollten trotzdem stimmen. Durch die unnötige Verbiegung der Halswirbelsäule nach vorne wird der Kunde früher oder später dort Probleme bekommen, ebenso durch die hochgezogenen Schultern, wodurch übrigens auch der Zielmuskel verfehlt und in der Regel verstärkt über die Arm- und Brustmuskulatur gezogen wird. Ist der Kunde zu einer sauberen Ausführung mangels Schulterbeweglichkeit nicht in der Lage, so ist das Latziehen in den Nacken ohnehin in Frage zu stellen und stattdessen zur Brust zu ziehen, was eine völlig gleichwertige Übung mit weit weniger Verletzungsrisiko für die Schulter ist. Ähnliches beobachte ich bei vielen anderen Übungen, z.B. auch Kreuzheben, wobei der Kunde immer wieder zur Seite schauen soll, um auf seine Haltung zu achten (Autsch!). So etwas hat ein Trainer gefälligst zu unterbinden! Mit 100 kg Last auf der Nackenmuskulatur schaut man nicht zur Seite! Das kann bis zum Ausrenken eines Halswirbels führen!

  5. Der Detailverliebte
    Trainer zum Kunden: „Jetzt die Füße noch etwas nach außen drehen, den Kopf zurück, und achte auf die Spannung im oberen Rücken, ja, jetzt ausatmen, und achtung, nicht zu weit vor, und Rücken gerade, Brustbein raus, und immer auf die Kadenz achten, am besten langsam mitzählen!“

    Kritik
    Bei jeder Übung gibt es ein paar Dinge, die wirklich wichtig sind, um langfristig Verletzungen zu vermeiden und die richtigen Zielmuskeln zu treffen. Darauf sollte auch genau geachtet werden. Im Gegensatz zu unserem lockeren Trainer von Punkt 4 achtet der Detailverliebte aber auf jede Kleinigkeit, die in seinen Augen zur perfekten Übungsausführung notwendig ist. Die perfekte Übungsausführung gibt es allerdings sowieso nicht. Jeder Mensch hat seine eigenen körperlichen Gegebenheiten und außerdem kann sich ein Einsteiger gar nicht alle 10 Punkte merken, auf die er nach Meinung des Detailverliebten achten soll. Im schlimmsten Fall merkt er sich 7 unwichtige und macht die 3 wirklich wichtigen Dinge falsch, und vielleicht hat der Trainer selbst sogar einen der wichtigsten Punkte vergessen in der Ereiferung jedes Detail zu erwähnen. Nachkorrigieren kann man immer, wenn die Übung grob sitzt. Zu viel Perfektionismus ist manchmal eher schädigend. Übereifer kann auch nerven, so wurde ich immer mal wieder wegen meiner Beinhaltung an der Rumpfrotationsmaschine korrigiert. Da ich ein leichtes Hüftproblem habe, führe ich diese Übung abgeändert aus. So lässt sich auch ein leichtes Mitdrehen der Hüfte nicht vermeiden, was aber funktional und im Ergebnis völlig egal ist. Ein Einsteiger kann durch Über-Korrektur eher verwirrt und demotiviert werden, als dass es ihm nützen würde. Korrektur sollte sich gerade anfangs, wenn noch leichte Gewichte genutzt werden, auf das Wesentliche – die echten Fehler – konzentrieren. Ein Trainer sollte daher Wesentliches (gelenkschädigende Ausführung, Zielmuskel-verfehlendes Abfälschen) von Unwesentlichem (leichte Kadenz-Abweichung, Atmung, Minimal-Korrekturen, Haltung der nicht beteiligten Gliedmaßen) unterscheiden können, solange ein Anfänger mit zu vielen Hinweisen überfordert ist.

Dieser Artikel wurde übrigens in der Zeitschrift „Shape Up – Trainer´s Only„, Ausgabe 2/2015 veröffentlicht. Näheres dazu hier.

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